Der Strassenpatron:

Franz Löhers ungewöhnliche Laufbahn

Die Paderborner Revolutionsgeschichte des Jahres 1848 ist untrennbar mit einem Namen verbunden: Franz (von) Löher.
Am 15. Oktober 1818 inmitten der Paderstadt (im heutigen Schildern) zur Welt gekommen, setzte sich der Rechtsreferendar knappe 30 Jahre später an die Spitze der bürgerlichen Aufstandsbewegung und erlebte bis ins Jahr 1852 eine politische Achterbahnfahrt sondergleichen.

Löher gründete die "Westfälische Zeitung" und den "Volksverein", wurde inhaftiert und nach seiner Wahl in die Zweite Kammer freigelassen.
Zum Paderborner Bürgermeister gewählt, verweigerte ihm die Regierung die Bestätigung.
Nach der Nichtzulassung zum Assessorexamen hatte Löher genug: Er schlug die wissenschaftliche Laufbahn ein, die ihm in München schließlich Ansehen und Adelstitel einbrachte.

Eine wahrhaft ungewöhnliche Laufbahn für einen Metzgerssohn, der 1837 am Gymnasium Theodorianum das Abitur abgelegt hatte und anschließend in Halle, Freiburg; München und Berlin das Studium der Rechte pflegte. Nach dem ersten Staatsexamen 1841 trat Löher den juristischen Vorbereitungsdienst am Oberlandesgericht seiner Vaterstadt an und bestand dort vier Jahre später die Referendarsprüfung. Mehr als zwölf Monate lang bereiste Löher dann die USA, entdeckte dort vor Auswanderern seine rednerische Begabung und publizierte sein erstes größeres Werk über die "Geschichte und Zustände der Deutschen in Amerika".

Nach Paderborn zurückgekehrt, erfüllten die Märzereignisse Löher mit Begeisterung. Nur gut zwei Wochen nach dem Ende der Pressezensur redigierte er für den Verleger Wilhelm Crüwell erstmals die "Westfälische Zeitung", die er zu einem Organ der Liberalen machte. Vaterländisch-demokratisch gesinnt, lehnte Löher die Errichtung einer Republik ab und plädierte für eine konstitutionelle Monarchie. Der angestrebte Weg ins Abgeordnetenamt aber blieb ihm versagt. Als erklärter Vertreter der Unabhängigkeit von Kirche und Staat besaß er in Paderborn gegen die Kandidaten des politischen Katholizismus (Bischof Franz Drepper wurde in die preußische Nationalversammlung gewählt, Oberlandesgerichtsrat Philipp Arnold Schlüter in die Paulskirche) keine Chance.
Doch Franz Löher ließ sich nicht entmutigen. Er gründete den Paderborner Volksverein", den er im November 1848 bei einem Kongreß der westfälischen Demokraten in Münster glänzend vertrat. Dort avancierte er zu einem der Hauptredner, verteidigte die von der Auflösung bedrohte preußische Nationalversammlung und wurde deshalb am 11. Dezember 1848 unter fadenscheinigen Gründen verhaftet.
In seiner Heimatstadt schlug nun die Stimmung zugunsten Löhers um. Am 5. Februar 1849 wurde er - immer noch in Münster einsitzend - als Kandidat des Demokratischen Volksvereins (der diese Abstimmung in Paderborn mit überwältigender Mehrheit für sich entschied) in die zweite preußische Kammer gewählt. Zwölf Tage später wurde der Abgeordnete aus der Haft entlassen, um anschließend in Berlin acht turbulente parlamentarische Wochen zu erleben.
Löher schlug sich auf die linke Seite der Kammer, erlebte Otto von Bismarck als Gegenspieler der äußersten Rechten und kehrte nach der Auflösung des Parlaments im Mai nach Paderborn zurück.

Dort zog er in die Stadtverordnetenversammlung ein, mehrte seinen guten Ruf und wurde schließlich am 19. Dezember 1849 zum kommissarischen Bürgermeister gewählt.
Magistrat und Regierungspräsident aber verweigerten die Bestätigung Löhers, der nach einer leidigen "Steueraffäre" im September 1850 auch seine kommunalpolitische Karriere aufkündigte.
Im preußischen Staatsdienst hatte Löher ebenfalls keine Chancen mehr. Trotz des Freispruchs im Hammer Schwurgerichtsprozeß um die Vorfälle beim Kongreß in Münster wurde er aufgrund seiner "politischen Unzuverlässigkeit" nicht zum Richterexamen zugelassen und mußte letztlich aus dem Justizdienst ausscheiden.
Dieses "Berufsverbot" machte den Weg in eine wissenschaftlich-literarische Laufbahn frei. Löher promovierte in Tübingen, habilitierte sich an der Universität Göttingen und erlebte in München als Sekretär des bayrischen Königs Maximilian II. einen steilen gesellschaftlichen Aufstieg, der sich unter Maximilians Sohn Ludwig II. fortsetzte.
Löher wurde Leiter des allgemeinen Reichsarchivs, gründete die hochgerühmte "Archivalische Zeitschrift" und starb (längst geadelt und mit mehr als einem Dutzend Orden versehen) am 1. März 1892 in München.


(aus der NW v. 16.5.1998)

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